Rechts Stürze und alte Fenster- aussparung im Obergeschoss.
Unten durch die Mitte des hinteren Drittels zieht sich eine weitere 60cm Innenwand in Nord Süd Richtung. In dieser Wand, aus mittelalterlichen Steinen in Renaissanceverbund vermauert, findet sich eine alte zugemauerte Rundbogentür, die auf Höhe über dem vormaligen Kellergeschoss aufsetzt.
Links 60 cm Türzarge und höher liegende Rundbogenaussparung einer alten Tür. Grosse Ziegel.
Die Wand daneben ist russgeschwärzt, auch über den zugemauerten Flächen, was auf eine Feuerstelle und Küche nach 1695 in diesem Raum hinweist.
Grosse Eisenteile in der heutigen Decke weisen auf eine Rauchglocke hin. Der Pavillon wurde erst 1850 als Küche für den Gutsbetrieb in den bis dahin bestehenden Burggraben gesetzt.
Warum wurde das alte Haus nach 80-100 Jahren bereits abgerissen?
Immerhin war es mit solchen Wänden nicht gerade ein Fertighaus. Warum liess man dann Teile des hinteren Drittels stehen, um einen Neubau darauf zu setzen?
Möglicherweise wurde das Abreissen zum guten Teil bereits auf die rabiate Weise im 30-jährigen Krieg besorgt, der 50 Jahre vorher zuende gegangen war. Den neuen Feuerwaffen waren auch grosse Burgen nicht mehr gewachsen.
Westenbrügge lag direkt am wichtigsten Überlandverkehrsweg zwischen Wismar und Rostock und die marodierenden Heerzüge machten zu der Zeit rechts und links vom Wegesrand alles noch gründlicher platt, als General Shermans Anaconda 230 Jahre später in den amerikanischen Südstaaten.
Die Generäle Gallas (Kaiser/Spanien) und Baner (Schweden) rangen nach 1635 verzweifelt in Mecklenburg ohne klares Ergebnis. Nachschub war noch ein Fremdword, unter Abholprinzip verstand man etwas völlig anderes. Die Heerzüge des 30-jährigen Krieges lebten aus dem Land. Für die Nachfolger gab es nichts mehr zu beissen, wenn man die landwirtschaftlichen Betriebe gründlich ruinierte.
Wer baute dieses Vorgänger Haus und bewohnte es?
Die Familie von Bibow, seit über 300 Jahren ansässig in Westenbrügge, baute und bewohnte diesen Vorgängerbau. Wie viele andere im 30-jährigen Krieg ging sie in Konkurs und verlor Westenbrügge, möglicherweise auch, weil das Anlagevermögen zum grossen Teil zerstört wurde.
Landwirtschaft ist noch heute ein Geschäft mit einer scheusslichen Bilanzstruktur, wo relativ viel Kapital bindendes Anlagevermögen einem vergleichsweise geringen Umsatz in der Gewinn- und Verlust- rechnung gegenübersteht; Umsatz, der noch dazu schwankt und unbeeinflussbaren Faktoren, wie Wetter unterliegt.
Auch an Arbeitskräften gab es zum Teil nach dem Krieg nur noch 10% in einigen Gegenden und selbst Dekaden später war man nicht annähernd wieder auf dem Vorkriegsbestand.
Die Familie von Bibow erlitt zu dieser Zeit auf allen ihren Gütern ausser Blengow einen bleibenden Niedergang. Grund war vielleicht auch, dass sie seit Generationen sehr viele hohe Offiziere der dänischen Streitkräfte stellten. Möglicherweise waren sie einfach keine krisensicheren Landwirte mehr und schleppten viele Repräsentations- gemeinkosten mit, die zu so einer Karriere gehören.
Im 30-jährigen Krieg erwuchs Schweden zur Grossmacht und setzte sich in Mecklenburg fest, sodass die besseren dänisch-norwegischen Planstellen komplett zusammen gestrichen wurden.
Andere in der Nachbarschaft, wie die von Oertzen, kamen besser durch, und tauchen zur Konkurszeit, nachdem sie Roggow gerade wieder aufgebaut hatten, als Gläubiger in Westenbrügge auf, wohl auch, weil die Gerdshagener Oertzens die Schwiegereltern des bankrotten Westenbrügger Ehepaars von Bibow waren.
Wie müssen wir uns das Bibowsche Haus vorstellen?
Wer an dem hochherrschaftlichen Herrenhaus der Bobziens in Rankendorf in NWM sich ein bisschen rechts in die Büsche schlägt, der kann ein gutes Beispiel sehen.
Altes Herrenhaus in Rankendorf.
Man findet dort das alte, feste Herrenhaus, das wohl noch die Lüneburger von Müllers übernahmen, knapp 20 Jahre bevor sie auch in Westenbrügge ansässig wurden. Nach diesem Gut hiessen sie von Müller Rankendorf.
Von dem Wassergraben um das Haus ist noch heute ein guter Rest als Teich vorhanden. Es gibt ein hohes Kellergeschoss, auch das nächste Geschoss hat noch kleine wehrhafte Fenster. Der Mauerverbund ist der gleiche, wie hinten in Westenbrügge.
Die Wassergräben um feste Häuser herum hatten übrigens nicht den Sinn, unfreundlichem Besuch nasse Füsse und eine Blasenentzündung anzuhängen, sondern das Untergraben der Fundamente zu verhindern.
Herrenhaus von Wensin.
Da die Burginsel in Westenbrügge fast quadratisch ist und wegen der dicken Innenquerwand dort, ist auch ein Doppelgiebelbau denkbar, wie man ihn in Schleswig Holstein häufig findet. Das abgebildete Beispiel
ist Wensin am Wardersee.
Ein seltenes und spätes Mecklenburger Beispiel für so ein Renaissance Doppelhaus mit zwei parallel verlaufenden Satteldächern ist der 1635 erbaute Mittelteil von Schloss Boldevitz auf Rügen.
Bismarck sagte, in Mecklenburg kommt alles 100 Jahre später. In Schleswig-Holstein hatte Renaissance Mensch Heinrich Rantzau im vorigen Jahrhundert an die 50 von solchen befestigten Häusern hingestellt.
In der Türfüllung sind noch die aneinander stossenden LängsWände erkennbar.
Möglicherweise gab es ähnlich viele in Mecklenburg, aber sie sind nicht erhalten. Schleswig Holstein lag im 30-jährigen Krieg etwas abseits, das absteigende Dänemark war dort noch gut vertreten und die erstarkende Siegermacht Schweden wählte Mecklenburg als direktes Einfallstor nach Deutschland, wodurch das Land sehr verwüstet wurde.
Westenbrügge war zu den Zeiten ein riesenhafter Besitz, der noch eine Vielzahl heute als eigenständig bekannter Güter einschloss. Es lag an einer Hauptverkehrsader und war sicherlich bis zum 30-jährigen Krieg reicher als Rankendorf. Es wird ein entsprechendes Haus besessen haben.
Erst Ende 1700 wurde es von spekulierenden Ratsherren und Rechtsverdrehern aus den nahen Städten auf die Grösse gestutzt, in der es an die Müllers überging.
Denkmalschützer Baumgart haben wir übrigens in weiten Teilen die obige Bau-Analyse und das Auffinden der Balkenlage zu verdanken.
Er berichtete wie folgt:
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