Westenbrügge 1350 - 1650
Bibow

1350 gab es jede Menge Ärger. Die Pest zog durch Deutschland. Mit Beulenpest hatte man eine Chance, mit Lungenpest hatte man keine Chance. Es hatte enormes Bevölkerungswachstum gegeben und es wurde eng und unhygienisch. Wie war das noch mit dem Unterschied zwischen Zivilisation und Kultur? Zivilisation ist, wenn man eine Badewanne hat; Kultur ist, wenn man sie auch benutzt.

Als nette Hinterlassenschaft von Mongolen Grosskhan Ugedai waren dann aus dem weiter entwickelten Ostasien Viren gekommen, gegen die wir Europäer nicht resistent waren. Ein Drittel der Bevölkerung ging drauf, fast so schlimm wie Azteken, Inkas und Mississippi Indianer, nachdem die Haustier gestählten Europäer dort einwanderten.

Reich wurden nicht mal die Bestattungsunternehmer, weil man die Toten wie Sondermüll entsorgte. Also, schaffen wir uns schnell einen Kanarienvogel an, bevor die asiatischen Horden hier wieder einbrechen, sobald die auch den bezahlten Urlaub dort entdecken. Nicht dass wir alle dann an Vogelgrippe eingehen.

Besiedlungsdichte und Einwanderung liess mit der Pest rapide nach. Es gab immer mehr Abwanderung in die Stadt, kein Wachstum, Land fiel brach, und das ganz ohne EG Subventionen dafür. Heute wie damals begünstigt sowas zunächst Konzentration, d.h. grosse Betriebe mit viel Land. Den kleineren geht's erst an den Kragen.

Daher rührte ja auch die mit Beginn der EWG beobachtete Änderung der bäuerlichen Erbpraxis. Böse Zungen behaupeten: Der erste erbt die EG Subventionen, der zweite die Ansprüche aus Maneuverschäden, und für den dritten blieb nur der Hof.

Ohne Subventionen hat so etwas aber bald den ausgleichenden Effekt, dass mittelmässiges Land schnell sehr billig wird und das gibt Jungunternehmern eine Chance.

So kam Bibow nach Westenbrügge und konnte in Windeseile einen riesigen Besitz für einen Appel und ein Ei zusammenkaufen. Sein Vorname war Heidenreich, er war also sicher keine hohen Bodenpunktzahlen gewohnt.

Es folgte ein Wirtschaftswunder wie so oft mit wieder anwachsenden Bevölkerungzahlen nach katastrophalen Zeiten und entsprechendem Aufbaubedarf. Nahezu zwangsläufig gibt es dann ein Wirtschaftswunder, aber nur, wenn auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen liberal sind (wenig Steuern, wenig Regulation), anders als seit der Wende.

Die Bibows blieben fast 320 Jahre bis sie der 30-jährige Krieg hinaus beförderte. Die Güter waren zerstört und viele von den Bibows waren dänische Stabsoffiziere. Sieger- und Besatzungsmacht des grossen Krieges waren aber die Schweden geworden.

HVB, Heidenreich von Bibow, steht in dem alten, vormaligen Wetterhahn von der Kirche. Der Bibowsche Wetterhahn hielt bis zur Wende und weil er aus dem Osten war, wo ja angeblich alles nichts taugte, musste er dann ersetzt werden.

Sicherlich war er nach 650 Jahren im Betriebsvermögen voll abgeschrieben, insbesondere da Wettervorhersagen kein Kerngeschäftsfeld der Kirche mehr sind, nachdem der Papst mit dem Unfehlbarkeitsdogma seinen Konkurrenzvorteil aufgegeben hat.

So wurde der Hahn dann ersetzt durch einen anderen mit merkwürdigen Hyroglyphen drauf von Leuten, die das Original nicht verstanden hatten. Jetzt steht der alte ohne Kopf unten in der Kirche und oben am Turm wedelt etwas, was aussieht, wie H, V und dann drei waagerechte Striche übereinander.

Vielleicht sollte es heissen Helmut von Kohl, aber dann wurden sie dabei arbeitslos und ihr Werk unterbrochen.


Materielles und Geltung ist so vergänglich. Es gibt noch drei von Bibows in Deutschland, die alle im kleinen Stil für Ihren Lebensunterhalt arbeiten, aber es gibt sie. Sie waren auf vielen grossen Gütern und über 300 Jahre lang in Westenbrügge. Was übrig ist, ist ein Wetterhahn ohne Kopf.

Die Müller von der Lühne haben ihr Wappen in Gold und Stein über alles geplastert, was sich greifen liess und waren in 50 Jahren ausgestorben.

Normale Leistung führt über relativ kurze Zeit in relativ wenigen Generationen zu relativ normalem Lebensstil. Je mehr politische Freiheit es in einem Land gibt, umso schneller geht das.

In Deutschland, wo Abstammung noch fast ebenso wichtig ist wie Leistung, leben nachfolgende Generationen grosser Vorfahren viel länger gut und wohlhabend als etwa in den USA.

Aber auch hier gilt: Wenn man etwas weitergeben will, kann man das besser und bleibender über seine Kinder, als in Stein und Gold.