Der Kunsthistoriker, Verfasser einer Vielzahl von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln zur Heimatgeschichte, und Vertreter der Bad Doberaner Denkmalschutzbehörde, Alexander Schacht, hat diese Stellungnahme und Bewertung für den Pavillon abgegeben.


Der Pavillon beim Gutshaus von Westenbrügge,
Landkreis Bad Doberan

Der ehemalige Gutshof von Westenbrügge wurde als Rittersitz bereits im späten Mittelalter angelegt und zählt damit zu den ältesten Herrensitzen des Landes Mecklenburg. Das heute noch aus Gutshaus, Landschaftspark, Pavillon, Pferdestall und Inspektorhaus in selten gewordener Geschlossenheit bestehende Ensemble besitzt aufgrund seiner langen Geschichte und seines baukünstlerischen Werts überregionale Bedeutung. Das heutige Gutshaus wurde der Überlieferung nach im Jahre 1699 von Baron Karl Leonhardt Müller von der Lühne, dessen Familie zwischen 1693 und 1747 im Besitz von Westenbrügge war, an der Stelle einer spät-mittelalterlichen Wasserburg errichtet.

Das Gutshaus ist noch ganz dem seit der Renaissance verbreitet gewesenen Typus des "Festen Hauses" verpflichtet, denn erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen mit dem Zuzug fremden Adels neue Moden und baukünstlerische Ausdrucksweisen ins Land und die Herrenhäuser Mecklenburgs verloren ihren wehrhaften Charakter zugunsten einer repräsentativen barocken Architektur. Für das "Feste Haus" der Renaissance war es charakteristisch, dass die Küche aufgrund der von ihr ausgehenden Brandgefahr in einiger Entfernung vom Herrenhaus separat errichtet wurde. Dies ist auch in Westenbrügge der Fall gewesen. Ein hoher Grundwasserstand mag zudem dafür verantwortlich gewesen sein, dass das Gutshaus keinen Keller besitzt, in dem die Wirtschaftsräume untergebracht werden konnten, der die Küche aufnehmende Pavillon ist hingegen unterkellert.

Im Jahre 1819 wurde das Gut Westenbrügge vom Legationsrat Johann Andreas von Müller erworben. Dieser ließ umfangreiche Baumaßnahmen auf dem Gutshof vornehmen: Das Gutshaus wurde äußerlich in eine klassizistische Gestalt gebracht, das Inspektorhaus entstand 1823 neu und den Barockpark wandelte man in einen Englischen Landschaftsgarten um. In diesem Zusammenhang wurde nördlich des Herrenhauses die alte Küche durch den heutigen klassizistischen Bau ersetzt, der die Gestalt eines oktogonalen Pavillons mit konkav zulaufendem und mit Schiefer eingedeckten Dach hat. Die Fenstennischen sind mit profilierten Rundbögen geschlossen, die ein umlaufendes Gesims miteinander verbindet.

Dieser Pavillon war mehr als ein reines Wirtschaftsgebäude: Mit seinen wohlproportionierten, ausgewogenen Formen, die den Einfluss des Baumeisters Carl Theodor Severin und seiner Bauten in der großherzoglichen Sommerresidenz Doberan-Heiligendamm spüren lassen, ist er ein höchst bemerkenswertes, äußerst seltenes und sehr wertvolles Kleinod klassizistischer Baukunst. Vergleichbare Bauten sind in Mecklenburg-Vorpommern nicht bekannt. Der Pavillon ist das "i-Tüpfelchen" der gesamten Gutsanlage und der wichtigste Blickpunkt in dem das Haus umgebenden weiträumigen Landschaftspark. Eine Bewahrung und originalgetreue Restaurierung des Pavillons, der sich zwar in einem sehr schlechten Bauzustand befindet, hinsichtlich seiner äußeren Gestaltung jedoch weitestgehend unverändert erhalten blieb, ist aus denkmalpfegerischer Sicht unabdingbar, da mit seinem Verlust auch ein erheblicher Teil des Denkmalwertes des gesamten Gutshof-Ensembles verloren gehen würde.

Bad Doberan, den 11. Februar 2002

Alexander Schacht M. A.
Kunsthistoriker
Untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Bad Doberan